Fachkräfte gewinnen

Mehr Bewerbungen sind nicht das Ziel: Warum Passung über den Erfolg entscheidet

Darian Tomeit · · 5 Min. Lesezeit

Praxisleitung und Pflegefachkraft sitzen sich lächelnd an einem Tisch im Aufenthaltsraum gegen­überBild: KI-generiert

Viele Einrichtungen messen den Erfolg ihrer Personalsuche an der Zahl der eingegangenen Bewerbungen. Das ist verständlich, denn eine volle Inbox fühlt sich nach Fortschritt an. Nach Wochen der Funkstille wirkt jede neue Bewerbung wie ein Schritt in die richtige Richtung.

In der Praxis sieht es oft anders aus. Dreißig unpassende Bewerbungen kosten deutlich mehr Zeit als drei passende, und am Ende ist die Stelle trotzdem nicht besetzt. In diesem Beitrag geht es darum, warum die Bewerbungszahl eine trügerische Kennzahl ist, was Passung konkret bedeutet und wie Einrichtungen schon vor dem ersten Gespräch dafür sorgen können, dass die richtigen Menschen kommen.

Warum die Bewerbungszahl so verlockend ist

Die Zahl der Bewerbungen ist leicht zu messen und gut vergleichbar. Sie lässt sich nach jeder Anzeige oder Kampagne sofort ablesen, und sie fühlt sich objektiv an. Viele Maßnahmen zur Personalgewinnung werden deshalb genau daran bewertet.

Das Problem: Die Zahl sagt nichts darüber, ob unter den Bewerbungen jemand ist, der fachlich passt, zum Team passt und auch langfristig bleibt. Eine Maßnahme, die viele Bewerbungen bringt, kann im Ergebnis schlechter sein als eine, die wenige, aber passende Kontakte liefert.

Die versteckten Kosten unpassender Bewerbungen

Jede Bewerbung muss gesichtet, beantwortet und oft in einem Gespräch geprüft werden. In einer Praxis oder einem Pflegeteam übernimmt das meist die Leitung selbst, zusätzlich zum normalen Alltag mit Patientinnen und Patienten, Abrechnung und Teamorganisation. Jede Stunde, die in ein unpassendes Gespräch fließt, fehlt an anderer Stelle.

Noch teurer wird es, wenn eine unpassende Person eingestellt wird. Dann fließt Zeit in die Einarbeitung, das Team muss Abläufe erklären und Patientinnen und Patienten gewöhnen sich an eine neue Person. Wenn die Zusammenarbeit dann in der Probezeit endet, entsteht Unruhe im Team und die Suche beginnt von vorne, oft unter noch größerem Zeitdruck als vorher.

Was passend konkret bedeutet

Passung ist kein Bauchgefühl, sondern lässt sich auf drei Ebenen ziemlich klar beschreiben.

Fachliche Passung

Bringt die Person die nötige Qualifikation mit? Passen die fachlichen Schwerpunkte zu dem, was in der Einrichtung gebraucht wird? Gibt es Fortbildungen, die vorausgesetzt werden, oder ist die Bereitschaft da, sie nachzuholen? Und passt das gewünschte Arbeitszeitmodell zu dem, was die Einrichtung bieten kann?

Menschliche Passung

Passt die Person zur Arbeitsweise und Atmosphäre des Teams? Manche Teams arbeiten sehr eigenständig, andere eng abgestimmt. Manche Leitungen erwarten viel Eigeninitiative, andere geben klare Strukturen vor. Keine dieser Varianten ist besser als die andere, aber sie müssen zu der Person passen, die neu dazukommt.

Praktische Passung

Oft entscheiden ganz praktische Dinge: Ist der Arbeitsweg im Alltag machbar? Passen die Dienstzeiten zur familiären Situation? Ist der mögliche Starttermin für beide Seiten realistisch? Diese Punkte wirken banal, sind aber einer der häufigsten Gründe, warum Zusammenarbeit scheitert.

Fehlt eine dieser drei Ebenen, hält die Zusammenarbeit selten lange.

Wie Passung schon vor dem Gespräch entsteht

Passung beginnt nicht im Vorstellungsgespräch, sondern bei der Ansprache. Drei Bausteine machen dabei den größten Unterschied.

Ehrliche Ansprache

Wer den Arbeitsalltag ehrlich beschreibt, statt ihn zu beschönigen, zieht genau die Menschen an, die damit gut zurechtkommen. Das gilt auch für weniger attraktive Seiten, etwa Wochenenddienste oder eine hohe Auslastung. Wer das offen anspricht, verliert vielleicht einzelne Interessierte, gewinnt aber Vertrauen bei denen, die bleiben. Was Fachkräfte dabei besonders wichtig ist, haben wir in unserem Beitrag über die Erwartungen von Bewerbenden zusammengefasst.

Vorqualifizierung

Ein kurzer strukturierter Zwischenschritt klärt die wichtigsten Punkte, bevor die Einrichtung Zeit investiert: Qualifikation, Stundenumfang, Starttermin und Arbeitsweg. Das ist besonders bei passiven Kandidatinnen und Kandidaten wichtig, die nicht aktiv suchen und deshalb zuerst einen niedrigschwelligen Einstieg brauchen.

Regionale Eingrenzung

Wer nur dort sucht, wo ein Wechsel realistisch ist, bekommt weniger, aber deutlich relevantere Kontakte. Eine Bewerbung aus 150 Kilometern Entfernung sieht in der Statistik gut aus, führt aber nur selten zu einer Einstellung.

Fragen, die im Gespräch Passung sichtbar machen

Im Gespräch selbst helfen offene Fragen, die über den Lebenslauf hinausgehen. Zum Beispiel:

  • Was hat Ihnen an Ihrer bisherigen Stelle besonders gut gefallen, und was hat Ihnen gefehlt?
  • Wie sieht für Sie ein guter Arbeitstag aus?
  • Wie arbeiten Sie am liebsten: eher eigenständig oder eng im Team abgestimmt?
  • Was müsste passieren, damit Sie in einem Jahr sagen, der Wechsel war die richtige Entscheidung?
  • Gibt es Rahmenbedingungen, die für Sie nicht verhandelbar sind?

Die Antworten zeigen meist schnell, ob Erwartungen und Realität zusammenpassen. Genauso wichtig ist es, im Gespräch selbst ehrlich zu sein, damit die Person ihre Entscheidung auf einer realistischen Grundlage treffen kann.

Woran man gute Passung später erkennt

Der beste Indikator ist der Verbleib. Eine Praxis, mit der wir zusammengearbeitet haben, hat zwei Physiotherapeuten und einen Ergotherapeuten eingestellt, und Monate später waren alle drei noch im Unternehmen. Ein Pflegeteam hat drei neue Pflegekräfte gewonnen, die sich gut eingelebt haben und geblieben sind.

Ein weiteres Signal sind Empfehlungen. Wer sich im Team wohlfühlt, erzählt davon und bringt früher oder später Kolleginnen und Kollegen aus dem eigenen Netzwerk mit. Bleiben solche Empfehlungen dauerhaft aus, kann das ein Hinweis auf ein tieferes Problem sein, wie wir im Beitrag über Anzeichen für ein Imageproblem beschreiben.

Die Kennzahlen, die wirklich zählen

Statt nur auf die Zahl der Bewerbungen zu schauen, lohnt sich der Blick auf drei andere Werte: Wie viele der Kontakte passen nach der Vorqualifizierung tatsächlich? Wie viele davon werden eingestellt? Und wie viele der neuen Mitarbeitenden sind nach der Probezeit und nach einem Jahr noch da?

Die entscheidende Kennzahl ist deshalb nicht, wie viele Bewerbungen eingehen, sondern wie viele neue Mitarbeitende nach einem Jahr noch da sind. Wer darauf hinarbeitet, spart am Ende nicht nur Zeit, sondern baut ein Team auf, das stabil bleibt.

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